Märchen

Tod eines Liebenden aus dem Stamme Uzra

Man erzählt ferner: Unter dem Stamme der Söhne war ein Mann, der keinen Tag ohne eine neue Liebe leben konnte. Einst liebte er ein schönes Mädchen aus seinem Stamme und warb um sie; sie aber verschmähte ihn und wies ihn immerfort ab. Der Mann ward darüber krank und grämte sich so sehr, dass alle seine Kräfte schwanden und er so schwach und mager ward, dass seine Liebe kein Geheimnis mehr blieb. Lange baten seine und ihre Verwandten seine Geliebte, sie möchte ihn doch besuchen, aber sie weigerte sich, bis er dem Tode nahe war. Erst als sie sein nahes Ende vernahm, bemitleidete sie ihn und entschloss sich, ihn zu besuchen. Als er sie erblickte, flossen seine Augen in Tränen über und er sprach folgende Verse:
“Wenn du meinen Leichenzug vorüberziehen siehst, wirst du ihm nicht folgen und den Verschiedenen grüßen, der dem Grabe überlassen wird?”

Das Mädchen sagte weinend: “Ich dachte nicht, dass es so weit mit dir gekommen wäre, aber bei Gott, ich will dir Alles gewähren, was du von mir forderst.” Da rezitierte er weinend folgenden Vers:
“Sie nahet mir, wenn Todesschatten uns trennen, und will mir gehören, wenn ich sie nicht mehr besitzen kann.”

Dann atmete er tief und verschied. Das Mädchen weinte, küsste ihn und fiel in Ohnmacht, und nach drei Tagen starb auch es und wurde in sein Grab gelegt.

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Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

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