Märchen

Geschichte des Hirten und der Diebe

Ein Hirt war einst mit seinen Schafen auf der Weide und wachte über sie, dass ihm keines gestohlen werde. Eines Nachts kam ein Dieb in der Absicht, ein Schaf zu stehlen; er fand aber den Hirten so wachsam bei Tag und bei Nacht, dass er kein Mittel sah, seinen Zweck zu erreichen. Nachdem er lange sich vergebens bemüht hatte, nahm er eine Löwenhaut, stopfte sie mit Stroh aus und stellte sie auf einen Hügel, so dass der Hirt sie sehen konnte. Er ging dann zum Hirten und sagte ihm: “Ein Löwe fordert sein Nachtessen von dir.” – “Wo ist ein Löwe?” fragte der Hirt. “Dort auf dem Hügel,” antwortete der Dieb. Der Hirt blickte hin und sah das ausgestopfte Fell, das er für einen Löwen hielt, und fürchtete sich so sehr, dass er dem Diebe sagte: “Nimm von meiner Herde, was du willst.” Der Dieb nahm, was ihm beliebte, und dachte bei sich: nun bin ich meiner Beute gewiss, und so oft er nach Schafen gelüstete, holte er die Löwenhaut und erschreckte den Hirten damit, bis er ihm nach und nach alle seine Schafe abgelockt hatte.
Die Geliebte des Königs sprach dann weiter: “Dies erzähle ich dir, o König, damit du dich ja nicht weich finden lassest, und diese Mensche ihren Zweck erreichen: der Tod ist ihnen viel näher, als das sie dir ein Übel zuzufügen im Stande wären.” Der König horchte auf diese Rede und gab ihr seinen Beifall. Am folgenden Morgen kamen alle Bewohner der Residenz bewaffnet vor das Tor des Schlosses und forderten den Pförtner auf, zu öffnen. Als dieser sich weigerte, holten sie Feuer herbei, um das Tor zu verbrennen. Der Pförtner berichtete dem König, was sich zugetragen und fragte ihn, was er tun solle. Als sich der König in so großer Gefahr sah, ließ er seine Geliebte rufen und sagte ihr: “Hat mir nicht Schimas die Wahrheit prophezeit? Nun hat sich das Volk zusammengerottet, und man will mich umbringen.” Die Geliebte erwiderte: “Fürchte Nichts, o König, Gott wird dir beistehen, lass nur deine Veziere und die Gelehrten und Häupter des Volkes und der Truppen umbringen, du hast dann von den Übrigen Nichts mehr zu fürchten, Niemand wird sich mehr deinem Willen widersetzen, noch deine Ruhe stören.” Der König sagte ihr: “Du hast Recht,” ließ sich schnell seinen Turban geben und schickte nach Schimas. Als er kam, sagte er ihm: “Du weißt, dass ich dich liebe, denn du bist mein Bruder und Vater seit meines Vaters Tode, auch befolge ich deinen Rat und zeige mich meinen Leuten; entschuldige mich nur jetzt bei ihnen und stelle die Eintracht wieder her; ich wollte eben zu ihnen herauskommen, als diese Gewalttätigkeiten stattfanden; doch ich entschuldige sie, und morgen werde ich in Allem ihren Wünschen willfahren.” Schimas verbeugte sich vor dem König, küsste ihm Hände und Füße, ging dann freudig zum Volke hinaus, verkündete ihm, was der König versprochen, und hielt es von seinem gewalttätigem Vorhaben ab. Man löschte das Feuer aus, und Jeder ging nach Hause. Der König wendete sich hierauf zu den zehn ältesten und stärksten Sklaven seines Vaters und sagte ihnen: “Ihr wisset, wie ihr bei meinem Vater sowohl, als nach dessen Tode bei mir so gut und hoch gehalten waret; nun frage ich euch, ob ihr auch Etwas für mich tun wollt?” Die Sklaven antworteten: “Befiehl nur, o Herr! wir sind deine Sklaven und breit, Alles für dich zu tun.” Da sagte der König: “Ihr wisset, was die Bewohner dieser Stadt meinem Vater geschworen, und nun haben sie die Treue gebrochen und meinen Tod beschlossen. Ich muss daher, um das Übel auszurotten, seine Anführer und Gelehrten ums Leben bringen, und zwar auf folgende Weise: ich lasse Einen nach dem Andern vor mir erscheinen; sobald er aber hereinkommt, führt ihr ihn in das Nebenzimmer und bringt ihn um. ” Da die Sklaven Gehorsam versprachen, setzte sich der König am folgenden Morgen auf den Thron mit dem Richterbuche in der Hand, und ließ die Tore öffnen und alle Veziere, Gelehrten und Häupter des Volks einen nach dem andern vor sich kommen und von den Sklaven aus dem Wege räumen.

Nachdem auf diese Weise alle Mächtigen das Leben verloren hatten, wurde das gemeine Volk weggejagt, und ein Jeder eilte schnell in seine Wohnung. Der König überließ sich nun ganz seinem Vergnügen und vernachlässigte das Heil des Staates und das Wohl seiner Untertanen. Da aber dieser König wegen seines an Gold, Silber und Edelsteinen so reichen Landes von allen seinen Nachbarn beneidet wurde, so dachte einer der benachbarten Sultane, der von der Hinrichtung der Veziere und Gelehrten hörte: Nun werde ich bald zum Besitze dieses kostbaren Landes gelangen; dieser junge, unbesonnene König hat Niemanden mehr, auf den er sich stützen kann, es wird mir leicht werden, sein Land zu erobern. Er beschloss daher, um seine Stärke zu prüfen, ihm folgenden Brief zu schreiben: “Im Namen Gottes, des Allmächtigen, Allbarmherzigen! Wir haben vernommen, dass du die Gelehrten deines Reichs und deine Veziere und mächtigen Krieger hast umbringen lassen, und dass du überhaupt einen schlechten und ruchlosen Lebenswandel führst, wodurch uns Gott den Sieg über dich erleichtert. Du stehst nun unter meinen Befehlen, baue mir daher einen großen Palast auf der Oberfläche des Wassers mitten im Meere; kannst du dies nicht, so verlasse diese Land. Ich werde meinen Vezier mit zwölftausend Regimenten, jedes aus tausend Kriegern zusammengesetzt, in dein Land schicken, um davon Besitz zu nehmen; er wird dir nur drei Tage Frist gönnen, und widersetzest du dich ihm, so wird es bald um dich geschehen sein.” Diesen Brief schickte der Sultan durch einen Boten ab, und als der verweichlichte König ihn gelesen hatte, verlor er allen Mut und alle Kraft, und wusste nicht, was beginnen, denn er hatte Niemanden, der ihm Beistand leistete. Er ging ganz blass und entstellt zu seinen Frauen, und als sie ihn fragten: “Was hast du, o König?” antwortete er: “Ich bin nicht mehr König, ich bin nur noch ein Sklave,” und las ihnen weinend den eben erhaltenen Brief vor und fragte sie, ob sie ihm nun in dieser Not zu raten wüssten? Die Frauen antworteten: “Wir sind ja nur Weiber, wir haben weder Verstand noch Kraft genug, um in einer solche schwierigen Sache einen Ausweg zu finden; du kannst nur bei Männern Rat und Hilfe suchen.” Jetzt sah der König erst ein, dass er durch die Hinrichtung seiner Veziere, Gelehrten und Großen des Reichs ein großes Unheil über sein Land gebracht hatte; er bereute sehr, was er getan, und sagte zu seinen Frauen: “Mir geht es mit euch, wie dem Rebhuhne mit den Schildkröten.” Da fragten die Frauen: “Was war das für eine Geschichte?” Darauf erzählte der König: Geschichte des Rebhuhns mit den Schildkröten.

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Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

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