Märchen

Geschichte der Katze mit der Maus

Man erzählt, o König! eine Katze ging einst in der Nacht auf Raub aus, lief aber die ganze Nacht in den Wiesen umher, ohne etwas zu finden. Da es heftig regnete und es sie sehr fror, suchte sie einen trocknen Zufluchtsort und ging auf ein Loch zu, welches sie in der Wurzel eines Baumes bemerkte. Als sie nahe daran war, roch sie eine Maus darin und kroch langsam an den Baum hin, um sie zu fangen. Da aber die Maus die Nähe der Katze merkte, schleppte sie schnell Erde herbei und verstopfte die Öffnung des Lochs. Die Katze miaute gar jämmerlich und schrei: “Warum tust du dies, mein Freund? Ich suche Zuflucht bei dir, erbarme dich meiner und lass mich diese Nacht in deiner Höhle zubringen; ich bin alt, schwach und matt, kann mich nicht mehr bewegen; ich laufe schon die ganze Nacht auf dem Felde herum, habe mir oft den Tod gewünscht, um einmal meine Qualen los zu werden, und nun liege ich hier vor deiner Türe, krank vor Nässe und Kälte; ich bitte dich um Gottes willen, beherberge mich im Gange deiner Höhle, ich bin arm und fremd; es heißt ja: Wer einen Fremden bei sich beherbergt, dem wird am Gerichtstage das Paradies als Wohnung angewiesen.” Als die Maus das Flehen der Katze vernahm, sagte sie erschrocken: “Wie kann ich dir öffnen? du bist doch mein natürlicher Feind und lebst nur von meinem Fleische; ich fürchte deinen Verrat, du bist treulos von Natur, ich kann dir nicht glauben, ich kann dir ebenso wenig mein Leben anvertrauen, als man eine schöne Frau einem Wollüstling, einen Schatz einem Diebe, oder Holz dem brennenden Feuer anvertraut; auch sagt man: Von einer natürlichen Feindschaft, so schwach sie auch sein mag, ist doch starkes Übel zu erwarten.”
Die Katze antwortete hierauf mit demütiger, rührender Stimme: “Was du sagst, mein Freund, ist wahr; ich leugne meine Sünden gar nicht, doch Gott verzeihe mir und verzeihe auch du mir vergangene Schuld, heißt es doch: Wer einem Geschöpfe Seinesgleichen verzeiht, dem verzeiht auch Gott; ich war allerdings bisher dein Feind, doch nun suche ich deine Freundschaft; sagt man nicht: Willst du deinen Feind in einen Freund verwandeln, so erweise ihm Gutes, ich will nun eine festen Bund mit dir schließen und dir versprechen, dass ich dir nie etwas zu Leide tun werde; ohnedies habe ich gar keine Kraft mehr dazu. Nimm nur meine Freundschaft an, vertraue auf Gott und versage mir deine Hilfe nicht!” Da sagte die Maus: “Wie soll ich mit einem Treulosen einen Bund schließen? wie darf ich das tun, da doch unsere Feindschaft und von Natur angeboren ist? Legte ich mich in deine Gewalt, so wäre es gerade, als wenn Jemand die Hand in den Mund einer Otter stecken wollte.” Da sagte die listige Katze. “Mein Leben erlischt in mir, bald werde ich vor deiner Türe sterben, und du wirst die Schuld tragen, denn du hättest mich retten können; ich sage dir zum letzten Male, wenn du mich einlassest, so werde ich dein wahrer Freund sein, stets für dich beten, und der Himmel wird dich dafür belohnen.” Bei diesen Worten wurde die Maus von Gottesfurcht ergriffen und dachte bei sich: Wer seinem Feinde Gutes erweist, dem steht Gott gegen ihn bei; ich will nun im Vertrauen auf Gott dies Katze vom Untergange retten und mir dadurch himmlischen Lohn erwerben. Sie trat dann zur Katze heraus und schleppte sie in die Höhle; die Katze machte sich schwer und stellte sich tot, so dass es der Maus sehr mühsam ward, sie auf ihr Lager zu bringen. Nachdem die Katze ein wenig ausgeruht hatte, öffnete sie den Mund und klagte über Schwäche und Mattigkeit. Die Maus bemitleidete sie und redete ihr Mut ein. Die Katze aber kroch allmählich bis zur Öffnung der Höhle, um der Maus den Ausgang zu versperren, dann sprang sie auf sie los und fasste sie mit allen Vieren und biss sie; hierauf schleuderte sie sie in die Höhe und lief ihr wieder nach. Die Maus rief Gotte Hilfe an und sagte zur Katze: “Treuloser Freund, hältst du so den Bund, den wir geschlossen, und den Eid, den du geschworen?

Ist das mein Lohn dafür, dass ich dich in meine Höhle hereingelassen und dir mein Leben anvertraut? Mit Recht sagt man: Wer dem Versprechen seines Feindes traut, der ist seines Lebens nicht mehr sicher und verdient den Tod; doch ich vertraue auf Gott, der wird mich retten.” Während die Maus so zur Katze sprach, welche damit umging, sie zu zerreißen, kam ein Jäger mit Fanghunden herbei; einer derselben hörte das Geräusch in der Höhle, sprang munter heran in der Meinung, es sei ein Fuchs, der etwas zerreißen wollte, packte die Katze von hinten, und zog sie heraus und zerriss sie in Stücken. Die Maus aber kam ohne schwere Wunde davon, denn die Katze hatte sie in ihrem Schrecken losgelassen, und so bestätigte sich hier: Wer Mitleid hat, der wird auch (von Gott) bemitleidet; wer unrecht handelt, dem geschieht auch Unrecht.
“Das ist’s, o König, was dieser Katze geschehen, darum soll Niemand sein Wort brechen und das ihm geschenkte Vertrauen missbrauchen, sonst geht es ihm auch so; wer aber Gute übt, dem wird reicher Lohn. Doch betrübe dich nicht, o König, dein Sohn wird später wieder deinen Pfad wandeln und Buße tun. Dein gelehrter Vezier fürchtet sich aber, dir dies zu offenbaren, weil schon Mancher durch seine Gelehrsamkeit sich große Gefahr zugezogen.” Der König entließ die Traumdeuter hierauf gnädigst, ging nachdenkend in seine Wohnung und brachte die Nacht bei der geliebtesten und geachtetsten seiner Frauen zu. Nach einigen Monaten, als sie die Merkmale der Schwanferschaft an sich wahrnahm, lief sie freudig zum König, um es ihm zu melden. Dieser rief höchst entzückt aus: “So war mein Traum doch wahr! Gott wird mir auch ferner in Allem beistehen.” Er erwies von nun an seiner Frau viele Ehre und ließ ihr das schönste und beste Zimmer im Schlosse einräumen. Sobald Schimas ins Schloss kam, teilte ihm der König seine Hoffnung, bald Vater zu werden, mit und sagte: “Nun sind meine Wünsche erfüllt; ich hoffe, meine Frau wird einen Sohn gebären, der meinen Thron erben kann. Was sagst du dazu, Schimas? Schimas schwieg und antwortete Nichts. Da sagte der König: “Warum freust du dich nicht mit mir? Warum schweigst du? Ist dir das nicht angenehm?” Schimas verbeugte sich und sagte: “Mögest du lange leben, o König; warum sollte der in der Mittagshitze unter einem schattigen Baume Ausruhen, oder der Lechzende, welcher am klaren Wein oder frischem Quellwasser sich labt, sich nicht freuen? Noch größer, o König, ist meine Freude mit dem, was dir Gott geschenkt, bin ich doch ein Diener Gottes und dein Diener. Doch sagt man: Von drei Dingen darf ein Verständiger nicht zu früh sprechen: von einem auf die Reise gehenden Kaufmann, bis er zurückkehrt; von einem in den Krieg Ziehenden, bis er seinen Feind überwunden, und von einer Schwangeren, bis sie ihr Kind geboren; denn wisse, o König, wer von Etwas spricht, ehe es da ist, dem geht es wie dem Einsiedler mit dem verschütteten Schmalze.” Der König fragte: “Was ist das für eine Geschichte?” da begann Schimas: Geschichte des Einsiedlers mit dem Schmalze.

Bitte bewerten:
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Noch keine Bewertung)
Loading...

Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

Kommentar verfassen

Klicke hier um einen Kommentar zu schreiben ;-)