Märchen

Die bekehrte Christin

Man erzählt: Der Fürst der Gläubigen, Omar, der Sohn Chattabs, rüstete einst eine Armee aus und schickte sie nach Syrien, um einige der dortigen christlichen Festungen zu belagern. Unter der muselmännischen Armee waren zwei Brüder, so kühn und so tapfer, dass der Emir der Christen oft zu den Seinigen sagte: “Wenn wir einmal diese zwei Muselmänner getötet und aus dem Wege geschafft haben, so fürchte ich die Übrigen nicht mehr.” Endlich gelang es den Christen nach vielen Anstrengungen und allerlei List und Hinterhalt, den Einen der Brüder zu töten und den Andern gefangen zu nehmen. Als man ihn in Ketten vor den Befehlshaber der Festung brachte, sagte er, nachdem er ihn einen Weile betrachtet hatte: “Es wäre Schade, einen solchen Mann zu töten, und doch wäre es schlimm für uns, wenn er wieder zu den Muselmännern zurückkehrte; das Erwünschteste wäre wohl, wenn er sich zum Christentume bekehrte, wir hätten dann eine starke Stütze an ihm.” Da sagte einer der Feldherren: “Wenn dieser Man bekehrt werden soll, so kann es am besten durch ein Weib geschehen, denn die Muselmänner sind gar leidenschaftlich. Ich bin gewiss, dass, wenn er meine schöne Tochter sieht, er bald in sie verliebt sein wird.” Der Emir sagte: “So nimm ihn mit dir!” Der Feldherr nahm den Muselmann mit in sein Haus, bat seine Tochter, ihre schönsten Kleider anzuziehen, um ihre natürlichen Reize noch zu erhöhen, und als das Essen aufgetragen wurde musste sie wie eine Dienerin vor dem Muselmanne stehen und auf seine Befehle warten. Als der Muselmann sich in einer solchen Versuchung sah, nahm er seine Zuflucht zu Gott, drückte seine Augen fest zu und betete und las den Koran mit einer sehr lieblichen Stimme, die bald einen sehr tiefen Eindruck auf die junge Christin machte. Nach sieben Tagen war ihre Liebe so groß, dass sie gerne Muselmännin geworden wäre, um dadurch seine Neigung zu gewinnen. Sie bat ihn, er möchte sie doch mit dem Islamismus bekannt machen, und als er sie die Grundpfeiler desselben gelehrt hatte, legte sie das Glaubensbekenntnis ab; dann lehrte er sie auch das Gebet und die demselben vorangehende Reinigung. Als dann die Christin ihm gestand, sie sei nur aus Liebe zu ihm zum Islamismus übergegangen, sagte er ihr: “Nach den Gesetzen des Islam können wir nicht heiraten, außer in Gegenwart zweier rechtgläubigen Zeugen, die hier nicht zu finden sind, und vermittelst einer Morgengabe, die ich auch hier nicht besitze. Wenn du nur ein Mittel findest, dass wir aus dieser Festung entkommen, dann verspreche ich dir, nie eine Andere, als dich, zu heiraten.” – “Ich will mir Mühe geben,” erwiderte das Mädchen.
Am folgenden Tage ging das Mädchen zu seinen Eltern und sagte ihnen: “Schon habe ich das Herz diese Muselmannes gewonnen und ihm vorgeschlagen, er möge sich zum Christentume bekehren, wenn er mich besitzen wolle. Hierauf sagte er mir aber: Das kann ich nicht an dem Orte, wo mein Bruder erschlagen worden; wenn ich nur an einem andern Ort leben könnte, da würde ich mich zu zerstreuen suchen und dann Alles tun, was von mir begehrt wird. Ich glaube also,” fuhr das Mädchen fort, “ihr tut nicht übel daran, wenn ihr ihn nach einem andern Orte gehen lasset, ich verbürge mich für ihn bei dem König.” Der Vater des Mädchen ging zum Emir und hinterbrachte ihm die Worte des Mädchens. Der Emir freute sich sehr über diese Nachricht und erlaubte dem Muselmanne, mit dem Mädchen in das Städtchen zu gehen, welches sie vorgeschlagen hatte. Hier verweilten sie aber nur einen Tag; sobald die Nacht heranbrach, machten sie sich auf den Weg und reisten die ganze Nacht durch. Der Muselmann hatte einen sehr schnellfüßigen Renner bei sich und er nahm das Mädchen zu sich auf sein Pferd. Als der Morgen zu leuchten anfing und sie abgestiegen waren, um sich zu waschen und das Morgengebet zu verrichten, hörten sie auf einmal Waffengeklirr, Männerstimmen und Pferdetritte; da sagte der Muselmann zu dem Mädchen: “Das sind Christen, die uns verfolgen, wir entkommen ihnen nicht mehr, mein Pferd ist so müde, dass es kaum mehr den Fuß aufheben kann, was fangen wir nun an?”

Das Mädchen schrie ihn an. “Wehe dir! du zitterst und fürchtest dich, und hast mir doch so viel von Gottes Macht erzählt und von der Hilfe, die er Denen reicht, die ihn anflehen? Komm lass uns zu Gott beten, vielleicht beschützt er uns und steht uns mit seiner Huld bei.” – “Du hast Recht,” erwiderte der Jüngling, und sie beteten recht inbrünstig zum Herrn. Indessen kamen die Heranreitenden immer näher, und auf einmal hörte der Muselmann die Stimme seines als Märtyrer gestorbenen Bruders, welche ihm zurief: “Fürchte dich nicht, mein Bruder, die herannahenden Truppen sind Engel, die der Herr euch sendet, um Zeugen eures Ehebündnisses zu sein. Der Herr segnet euch und hat auch zum Lohne eurer Tugend und eures Vertrauens die Erde vor euch zusammengebogen, so dass ihr bei Sonnenaufgang auf dem Berge vor der Stadt Medina anlangen werdet.”
“Wenn du dann,” fuhr der Märtyrer fort, “zu Omar, dem Sohne Chattabs, kommst, so grüße ihn von mir und sage ihm: Gott wird dich wegen deines Eifers für den Islam belohnen.” Als der Märtyrer so gesprochen hatte, erhoben die Engel ihre Stimmen und grüßten den Jüngling und seine Braut und sagten. “Gott hat euch im Himmel zweitausend Jahre, ehe er Adam geschaffen, mit einander verbunden.” Das junge Ehepaar war außer sich vor Freude über diese Botschaft, und kaum leuchtete die Sonne, als sie vor den Mauern Medina’s sich befanden, und Omar, der Sohn Chattabs, mit seinen Freunden ihnen entgegenkam. Dieser pflegte sonst sehr lange beim Morgengebet zu verweilen; er las oft mehrere Sure des Korans vor dem Gebete, so dass, ehe das eigentliche Gebet begann, die entlegensten Bewohner der Stadt Zeit hatten, aufzustehen, sich zu waschen und in die Moschee zu kommen. An diesem Tage aber betete Omar sehr schnell, und kaum hatte er vollendet, sagte er seinen Freunden: “Kommt mit mir, wir wollen den Verlobten entgegengehen.” Seine Freunde staunten ihn an und wussten nicht, was er meinte, er ging aber vor ihnen her zum Tore hinaus und grüßte das junge Ehepaar, nahm sie mit in die Stadt und ließ ein großes Hochzeitsmahl bereiten, dem viele Muselmänner beiwohnten. Nachdem die Mahlzeit zu Ende war, begab sich der Jüngling zu seiner Braut, und Gott schenkte ihnen Söhne, die auf den Pfaden Gottes kämpfend ihrem Stamme Ehre machten.

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Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

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