Märchen

Der wunderbare Reisesack

Man erzählt ferner: Als der Chalif Harun Arraschid eines Nachts sehr übel gelaunt und missmutig war, ließ er seinen Vezier Djasar rufen und sagte ihm: “Ich bin sehr verstimmt und fühle meine Brust so beengt, such doch auf irgend eine Weise mir Zerstreuung zu verschaffen.” Djarsa sagte: “O Fürst der Gläubigen! ich habe einen Freund, der Ali der Vezier heißt, der weiß sehr viele Märchen und Geschichten.” – “So hole ihn gleich her,” sagte der Chalif. Djasar schickte sogleich Jemanden, um Ali zu rufen. Er kam bald und grüßte den Chalifen. Dieser hieß ihn sitzen und sagte ihm: “Mein Brust ist diesen Abend so beklommen, dass ich dich rufen ließ, weil ich hörte, du wissest so viele Märchen und Anekdoten; erzähle mir nun etwas, das meinen Gram und meine düstern Gedanken verscheuche.”
Ali erwiderte: “Was wünschest du, o Fürst der Gläubigen zu hören, um dich aufzuheitern? Soll ich etwas erzählen, was ich mit eigenen Augen gesehen, oder etwas, das ich mit meinen Ohren gehört?” Der Chalif antwortete: “Erzähle mir etwas, das du selbst gesehen. Da begann Ali:
Wisse, o Fürst der Gläubigen! ich reiste einst mit einem Jungen von Bagdad, meiner Vaterstadt, weg und hatte einen sehr hübschen Reisesack bei mir. Während ich kaufte und verkaufte, kam ein wilder Kurde auf mich zu, nahm mir meinen Reisesack weg und sagte: “Dieser Sack mit Allem, was darin ist, gehört mir.” Ich war ganz außer mir und rief alle umstehenden Leute zu Hilfe. Die Leute sagten: “Geht mit einander zum Kadhi.” Wir gingen zum Kadhi. Der Kurde näherte sich ihm und sagte: “Gott stärke unsern Herrn, den Kadhi! Ich habe diesen Sack, mit Allem, was darin ist, verloren und eben wieder in der Hand dieses Mannes gefunden.”- “Wann hast du ihn verloren?” fragte ihn der Kadhi. Der Kurde antwortete: “Erst gestern.” – “Wenn du den Sack kennst,” versetzte der Kadhi, “so sage mir, was darin ist.” Der Kurde antwortete: “Im Sack sind zwei silberne Spiegelchen, Kohle für das Auge, ein Tuch für die Hände, zwei Leuchter, zwei Schüsseln und zwei Löffel, ein Kissen, zwei Matten, zwei Waschbecken mit Kannen, ein Topf, ein Kamm, zwei Hündchen, ein Kuh, zwei Kälber, zwei Schafe, ein Ziege, zwei Lämmer, zwei weiße Katzen, ein männliches und zwei weibliche Kamele, ein Büffelochs, zwei stiere, ein Löwin, ein Wolf, zwei Füchse, zwei Diwane und zwei Säle und eine Küche mit zwei Türen, und viele Kurden, die bezeugen, dass dieser Sack mir gehört.” Als der Kurde vollendet hatte, fragte mich der Kadhi: “Was sagst du dazu, Ali?” Ich näherte mich erstaunt über die Rede des Kurden und sagte: “Gott verherrliche unsern Kadhi! In meinem Sacke ist ein zerfallenes Häuschen mit einem Hundeställchen, ferner eine Schule für Knaben, dann viele Soldaten mit ihren Zelten, die Städte Kahirah und Bagdad und das Schloss Schadads, ein Fischernetz, ein Stock, mehrere Pfeiler und viele Mädchen und Knaben, und tausend Meister, welche bezeugen, dass dieser Sack mein Sack ist.” als der Kurde dies hörte, sagte er weinend und schluchzend: “O mein Herr Kadhi, der Sack gehört mir, ich weiß Alles, was darin ist. Du findest darin Schlösser und Zitadellen, Städte und Dörfer, Bären und Löwen und allerlei wilde Tiere; ferner eine Stute und zwei junge Hengste, zwei lange Lanzen und zwei Hasen, eine alte Frau und zwei Freudenmädchen, zwei Obersten und zwei Gaukler, und einen Blinden und einen Lahmen, einen Pfaffen und zwei Kirchendiener, und einen Patriarchen, einen Kadhi und zwei Zeugen, welche bezeugen, dass der Sack mir gehört.”

Nun war ich außer mir vor Zorn und Ärger, ich ging auf den Kadhi zu und sagte: “Gott stärke unsern Herrn, den Kadhi! In meinem Sack ist ein Zeughaus, mit allerlei Waffen und Kriegsmaterialien gefüllt, Weinberge, Gärten mit Feigen- und Apfelbäumen, allerlei Weingefäße mit Dienern und Freunden und Gesellschaften, Musiker mit allerlei Instrumenten und Sänger und Sängerinnen, Kinder mit ihren Ammen, zwei abysinische Sklavinnen, drei Indianerinnen, vier Medienseherinnen, fünf Griechinnen; im Sacke waren der Euphrat und der Tigris mit Fischen und Fischernetzen und Feuerzeug, tausend Pferde, mehrere Badehäuser, viel Städte und Länder mit allen ihren Beamten und Handwerkern, Kusa und Anbar, zwanzig Kisten voll Weißzeug und Kleider, und einige Magazine mit allerlei Mundvorrat gefüllt, Gaza, Askalon, die ganze Strecke von Damiet bis Assuan, der Palast des Chofrocs, Vaters des Nuschirwan, das ganze Reich Salomons, Chorasan, Balch und Ispahan, alle Länder, die zwischen Indien und Nubien liegen.” Der Kadhi, ganz betäubt von dem Aufzählen aller dieser Gegenstände, sagte: “Ihr seid gewiss zwei abtrünnige Ketzer, die mit einem frommen Kadhi ihren Spaß haben wollen; hat man jemals gehört, dass ein Reisesack alles das enthalte, was ihr beschrieben? Das ist ein bodenloses Meer!” Der Kadhi ließ dann den Sack öffnen, man fand darin ein wenig Brot, eine Zitrone, ein wenig Käse und ein paar Oliven; ich warf den Sack dem Kurden zu und ging fort.
Den Chalifen ergötzte diese Geschichte so sehr, dass er vor Lachen auf den Rücken fiel und den Perser Ali reichlich beschenkte. Gott ist allwissend!

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Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

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