Märchen

Der gewandte Dieb

Man erzählt auch: Der Polizei-Präfekt von Alexandrien wurde einst von einem Soldaten besucht, der ihm sagte: “Wisse, o Herr, ich bin diese Nacht in die Stadt gekommen und in dem Chan N.N. abgestiegen. Als ich des Morgens erwachte, fand ich meinen Reisesack zerrissen und einen Geldbeutel mit tausend Dinare heraus gestohlen. Der Polizeipräfekt schickte sogleich nach dem Aufseher und ließ alle Bewohner des Chans zu sich rufen, und schon wurden die Torturinstrumente herbeigeholt, um die Leute zu züchtigen. Da drang auf einmal ein Mann durch die Volksmasse, ging auf den Präfekten zu und sagte: “O Emir, lasse diese Leute frei, sie sind unschuldig, ich habe das Geld dieses Soldaten gestohlen, hier ist sein Beutel.” Bei diesen Worten zog er ihn aus seinem Ärmel und legte ihn vor dem Präfekten nieder. Dieser sagte zum Soldaten: “Nimm dein Geld und lasse diese Leute in Frieden.”
Als der Dieb hierauf von allen Anwesenden gelobt und bewundert ward, sagte er zum Präfekten: “Das war keine große Kunst, diesen Beutel selbst wieder herzubringen, die, ihn nochmals zu stehlen, ist viel größer.” – Der Präfekt fragte, “wie hast du es denn (zum erstenmal) angefangen?” Der Dieb antwortete: “Als ich in Kahirah auf dem Bazar der Geldwechsler stand, sah ich, wie dieser Soldat sein Gold einwechselte und in den Beutel legte; ich folgte ihm von Straße zu Straße, konnte aber keine Gelegenheit finden, ihn zu bestehlen; als er dann von Kahirah abreiste, folgte ich ihm von einem Ort zum andern, bis er endlich hier herkam, da ließ ich mich in demselben Chan neben ihm nieder und wartete, bis er schlief. Als ich ihn laut schnarchen hörte, näherte ich mich ihm leise, schnitt den Sack mit einem Messer auf und nahm so den Beutel heraus.” Während er dies sagte, nahm er wirklich in Gegenwart des Präfekten dem Soldaten den Beutel weg und lief fort. Die Leute glaubten, er wolle ihnen nur zeigen, wie er es gemacht, er aber warf sich schnell in einen Teich, und ehe die Kawas sich entkleideten, um ihn zu verfolgen, war er schon in einer der vielen aneinander stoßenden Straßen Alexandriens verschwunden. Der Präfekt sagte zum Soldaten: “Nun bist du um dein Geld, den Leuten hier kannst du Nichts mehr anhaben, denn durch Gottes Gnade ist ihre Unschuld bewiesen.”

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Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

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