Märchen

Alexander und ein gottesfürchtiger König

So erzählt man auch: Alexander der Zweihörnige sah auf seinen Zügen ein schwaches Volk, das gar nichts von den Annehmlichkeiten der Welt besaß. Sie begruben ihre Toten vor die Türe ihrer Häuser, besuchten beständig diese Gräber, und kehrten den Staub davon ab und beteten darauf zu Gott, ihre Nahrung bestand ganz allein aus Kräutern und Pflanzen der Erde. Da schickte Alexander Jemanden zu ihrem König und ließ ihn zu sich bitten. Aber der König diese Volkes sagte: “Ich habe Nichts bei ihm zu schaffen.” Alexander ging zu ihm und fragte ihn, wie es ihm und seinem Volke gehe. Er sehe weder Gold, noch Silber bei ihnen, auch gar Nichts, was zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehöre.
Der König erwiderte: “Was nützen die Annehmlichkeiten des Lebens? Es wird doch Niemand mit dem, was er besitzt, zufrieden.” Alexander fragte ihn dann, warum sie ihre Toten vor ihre Häuser begraben. Der König antwortete: “Damit wir sie stets vor Augen haben, immer an den Tod denken und nie jenes Leben vergessen, damit die Liebe zur Welt aus unserm Herzen weiche und uns nicht mehr von der Verehrung Gottes abziehe.” – “Und warum,” fragte Alexander,” nährt ihr euch von Pflanzen?” – “Weil wir nicht unsern Leib zum Grabe der Tiere machen wollen,” erwiderte der König; “denn schmackhafte Speisen machen nicht das Glück eines Menschen aus.” Dann zog er einen Menschenschädel heraus, legte ihn vor Alexander hin und fragte: “Weißt du, wer das war?” – “Nein,” antwortete Alexander. “Es war,” versetzte der König, “ein sehr mächtiger Sultan, der seine Untertanen tyrannisierte, die Schwachen unterdrückte und seine ganze Zeit verwendete, weltliche Gegenstände zu sammeln. Gott hat nun seine Seele genommen und ihr die Hölle als Wohnort angewiesen, und hier ist sein Kopf.” Dann zog er einen andern Schädel heraus und fragte: “Kennst du diesen?” – “Nein”, antwortete Alexander. “Dieser war,” fuhr der König fort, “ein gerechter König der Erde, ein Wohltäter seiner Untertanen; Gott hat seine Seele im Paradies einen hohen Rang angewiesen.” Alexander musste laut weinen; dann drückte er den König an sein Herz und sagte ihm: “Wenn du bei mir leben willst, so ernenne ich dich zu meinen Vezier und teile mein Königreich mit dir.” Der König antwortete: “Das sei ferne von mir! dazu habe ich keine Lust.” – “Und warum?” fragte Alexander. “Darum,” erwiderte der König, “weil alle Leute wegen deiner Macht und deines Reichtums dich hassen, während sie mich in meiner Armut und Genügsamkeit aufrichtig lieben; darum gelüste ich weder nach Macht, noch nach andern weltlichen Vorzügen.” Alexander drückte ihn noch einmal an sein Herz, küsste ihn und ging weiter.

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Über den Autor

Tausendundeine Nacht

Tausendundeine Nacht ist eine Sammlung morgenländischer Märchen und zugleich ein bekannter Klassiker der Weltliteratur.
Gustav Weil (25.04.1808-29.08.1889) war ein deutscher Orientalist und übersetzte die Ausgabe von Tausendundeine Nacht.

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